Mit Blick auf die Debatte um die Unterbringung von Flüchtlingen tauchen immer wieder rassistische Schlaumeier mit der Forderung auf, Asylantenfreunde sollten, aufgrund begrenzter Aufnahmekapazitäten der Kommunen, doch demnächst bitte eigenen, privaten Wohnraum als Unterbringungsmöglichkeit zur Verfügung stellen. Als ob in zahllosen Städten dieser schönen Republik nicht hunderttausende von Wohnungen seit Jahren und Jahrzehnten leer stehen würden. Als ob es objektiv betrachtet nötig wäre, eigenen Wohnraum aufzugeben, damit andere was zum Wohnen haben. In manchen Städten wird Wohnraum sogar rückgebaut, als ob es Obdachlosigkeit und Wohnungsnot überhaupt nicht gäbe.

Dennoch: Nehmen wir diese Kritiker der Asylantenfreunde einmal ernst. Nehmen wir also an, dass es tatsächlich so ist, wie jenes “Dann nimm’ Du doch Flüchtlinge auf!” unterstellt. Dass also einerseits, wie im übrigen auch gar nicht zu bestreiten gewagt wird, in der Tat überall lauter Wohnungen leer stehen, die Fremdenfeinde aber dennoch feststellen müssen, dass gar keine Wohnungen verfügbar sind, und also erstmal zusätzlicher, privater Wohnraum bereit gestellt werden müsste, um “noch mehr” Asylanten unterbringen zu können.

Und das verwundert schon: Wie können Wohnungen leer stehen, und trotzdem keine zum Bewohnen verfügbar sein? Man kann analog fragen: Wie geht es an, dass Brot in den Regalen des Einzelhandels verschimmelt, während Menschen herumlaufen, deren Hunger ungestillt bleiben muss?

Da passt offenkundig was nicht ganz zusammen, und zwar auf ziemlich verräterische Weise. Über die kapitalistischen Demokratien, in welchen wir leben, haben wir nämlich gerade folgendes erfahren: Erstens taugen die hiesigen Produktionsverhältnisse offenbar nichtmal zur Befriedigung elementarster Bedürfnisse wie Hunger und Kälte, und zweitens scheint darin auch gar nicht ihr Zweck zu liegen, denn, wenn überall Wohnraum leersteht, während es gleichzeitig überall an Wohnraum mangelt, so lässt dies nur den Schluss zu, dass Wohnungen gar nicht zum Drinwohnen gebaut worden sind. Oder abstrakt formuliert, dass alles, was diese Gesellschaft an stofflichem Reichtum hervorbringt, gar nicht in der Absicht hervorgebracht worden sein kann, ein menschliches Bedürfnis (z.B. Wohnen) zu befriedigen. Es muss da also eine andere Absicht vorgelegen haben, es muss ein grundsätzlich anderes Interesse sein, dass hierzulande durch die Produktion von Wohnungen und anderen nützlichen Dingen bedient werden soll.

Und dieses andere Interesse ist das Interesse des kapitalistischen Unternehmers am Profit. Die Konzernchefs, die Betriebseigner und Grundbesitzer schert es einen Dreck, was mit den nützlichen Dingen, die sie auf die Welt kommen lassen, letzlich geschieht. Fremde Arbeitskraft einzukaufen, und sie in einem Betrieb soweit als möglich auszuquetschen, um so letzlich aus vorhandenem Geld mehr Geld (Kapital) zu machen, ist der Zweck allen kapitalistischen Produzierens. Es spielt für kapitalistische Unternehmer also keine Rolle, ob die produzierten Dinge gekauft und dann tatsächlich von einem Bedürftigen konsumiert, oder gekauft und dann zerstört, oder gekauft und dann verschenkt, oder gekauft und dann teurer weiterverkauft werden. Hauptsache, das Ding wird zunächst überhaupt gekauft, und zwar für mehr Geld als es den Unternehmer gekostet hat, das nützliche Ding produzieren zu lassen, was immer jenes Ding da sei; eine Wohnung, ein Nahrungsmittel, ein Auto, eine Stunde Altenpflege. Das menschliche Bedürfnis selbst findet nur insofern Beachtung, als es zahlungskräftig ist. Karl Marx erörtert dieses Verhältnis ganz am Anfang des ersten Bandes des “Kapitals” in komprimierter Form:

Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als ungeheure Warensammlung.” (1)

Womit Marx bereits alles wesentliche ausgedrückt hat: Der Kapitalismus produziert nicht einfach nützliche Dinge, sondern Waren. Die Tatsache, dass Dinge eine Nutzenseite haben, also Güter sein können, ist lediglich der Hebel, welcher vom Unternehmer in erpresserischer Absicht gegen alljene verwandt wird, die diese Güter gerade brauchen; die Warenproduzenten selbst, die Arbeiter, welche in ihrer Eigenschaft im Kapitalismus die (lohn-)abhängige Variable zu sein, nicht über sie verfügen können. Würden hierzulande nützliche Dinge bloß als Güter produziert werden, zum Zwecke der Bedürfnisbefriedigung also, gäbe es keine Hungernden und keine Obdachlosen mehr, denn die nützlichen Dinge, die rein stofflich betrachtet ja tatsächlich in der Welt sind, müssten einfach nur den Bedürftigen und Konsumwilligen zugeführt werden, welche zu finden, stets ein leichtes wäre. Die nützlichen Dinge existieren jedoch nicht als Güter, sondern als Waren, und Waren suchen einen Käufer, keinen Bedürftigen, keinen Konsumenten. Es ist also das vorherige Verfügenmüssen über Geld, das Erstehenmüssen eines nützlichen Dinges im Wege des Kaufs, was letzlich einen Keil treibt zwischen das menschliche Bedürfnis und seine Befriedigung.

Um der damit verbundenen Notlage zumindest irgendwie zu entgehen, bleibt  demjenigen, der als Einkomensquelle über nichts mehr verfügt als seine eigene Arbeitskraft, nur die lebenslange, natürlich freiwillige Selbstverpflichtung auf die Profitinteressen irgendeines Unternehmers, dessen Lohnzahlungen immer nochmal niedriger ausfallen könnten, und damit niemals wirklich auskömmlich sind, da jeder Euro mehr Lohn ein Euro weniger Profit ist. Er, der Arbeiter, seine ganze Existenz ist im kapitalistischen Produzieren bloßer Kostenfaktor, der ständig vom Unternehmer nach unten korrigiert werden muss. Und es ist dieses Verhältnis, dass es ihm, vom Staatswesen juristisch und polizeilich verbürgt, erlaubt, im Kapitalismus jedes nützliche Ding als Ware, als erst vermittels Geld zu erwerbendes Ding zu präsentieren.

Wer also eine Wohnung sucht, sei er nun Inländer oder nicht, der braucht eines, und nur eines ganz dringend: Geld. Es entlässt den Menschen nämlich – zumindest hierzulande und gegenwärtig – unmittelbar aus jeder Not, wie sie irgendein noch unerfülltes Bedürfnis so mit sich bringt. Für den Asylsuchenden gilt das sogar insofern, als er sich durch das Hereinkarren von Geld nach Deutschland das Asylantendasein an sich ersparen kann, denn reiche Ausländer sind in allen kapitalistischen Demokratien zuhause.

Somit haben die rassistischen Asylkritiker mit den armen Schweinen aus den Asylunterkünften mehr gemein, als mit ihren inländischen Arbeitgebern. Auch den meisten PEGIDA-Trotteln, und wer da sonst noch so gegen Asylanten auf die Barrikaden geht, ermangelt es nämlich in der Regel an einer anderen Einkommensquelle, als der eigenen Arbeitskraft. Auch sie sind damit verpflichtet und verdammt sich in Freiheit um Lohnarbeit zu bemühen, so sie nicht irgendwann vom Finder-, Los- oder Lebensglück ereilt werden, also im Lotto gewinnen, fett erben, oder durch Zufall eine Ölquelle unter ihrer Datscha finden. Und ob, wann und zu welchen Konditionen Lohnarbeit jeweils zur Verfügung  steht, bestimmen allein die Betriebskalkulationen der Unternehmer. Keine Profitmöglichkeiten in Sicht, keine Lohnarbeit. Da können sich alle Arbeiter, ob Inländer oder nicht, auf den Kopf stellen, sogar umsonst arbeiten wollen, es hilft nichts.

Das große Unglück dieser rassistischen Asylkritiker ist freilich, dass sie dieses Verhältnis, als nationalistisch erzogene, selbstbewusste deutsche Bürger, die sie sind, nicht nur erdulden müssen, sondern auch erdulden wollen. Anständige freie Bürger wissen eben, was sich gehört. Und wenn der Staat sagt: Ein Ausländer ist jemand, der nicht Inländer ist, dann wäre ein Bürger kein Bürger, würde er hier widersprechen. Folglich ist jene, immer leicht unfreiwillig komisch wirkende Auskunft von Ausländerfeinden vollkommen ernst zu nehmen, werden diese von interessierter Seite gefragt, was sie denn nun eigentlich gegen Ausländer vorzubringen hätten. Die antworten dann nämlich: Es sind halt Ausländer!

Richtig!

 

(1) Karl Marx, Das Kapital, Bd.1, S.49, London 1872

Drogen

9. April 2015

Mit Blick auf den Drogenkonsum könnte man ja mal fragen, was eigentlich so furchtbar an den hiesigen Verhältnissen ist, dass es Menschen gibt, die Methkonsum für eine gangbare Alternative halten. Was ist also so schlimm an Arbeit und Geldverdienenmüssen, an Schule, Beruf, am ewigen Konkurrieren ums Ausgebeutetwerdendürfen in einem Betrieb, dass Leute das Abwracken ihres eigenen Körpers mittels Drogen und Alkohol immer noch für angenehmer halten?

In den Gazetten ist meist aber nicht die Gesellschaft sondern der Junkie selbst das Thema. Der muss weg, der stört hier. Es ist nicht “sicher”, weil der Junkie hier ist. Und das ist schon ein merkwürdiges Sicherheitsbedürfnis: in Ruhe durch erlesenere Stadtviertel flanieren können, ohne ständig von Junkies und Obdachlosen belästigt zu werden, sei es durch ihren Anblick, oder weil sie sich vergreifen, um ihren Konsum zu finanzieren. Ja, wo kommen die denn alle her?

Typisch Bürger, immer schön das Pferd von hinten aufzäumen. Man stelle sich vor, die Stadtreinigungen würden den Familien von Suizidierten demnächst eine Rechnung schicken, und “besorgte Bürger” das Anbringen von Stahlzäunen auf Hausdächern fordern. Nach dem Motto: Immer diese Selbstmörder, was haben die fürn Problem, können die nicht einfach arbeiten gehen, wie alle anderen auch?

Der Bürger

8. April 2015

Wer mit einem Bedürfnis anderer Geld machen will, der soll sich nicht wundern, dass der andere versucht, diesem Erpressungsverhältnis zu entkommen. Wohnungseinbrüche, Sachbeschädigung, Diebstahl, Raub, Totschlag, Mord – eigentlich Ausdruck höchst problematischer gesellschaftlicher Verhältnisse, nicht so für den Bürger. Für ihn ist Kriminalität bloß Anzeichen persönlicher Verfehlungen: mangelndes Rechtsbewusstsein, Dekadenz, genetische oder kulturelle Disposition zur Devianz. An der Gesellschaft selbst aber ist nichts auszusetzen. Der kapitalistische Geld-, Arbeits- und Verwertungszwang geht schon in Ordnung.

Der Bürger will also diese Verhältnisse, er will Herrschaft, und ist bereit, sich unter ihr einzurichten. Er macht sich selbst zum Agenten seiner(!) kapitalistischen Nation, das Anliegen seiner Herrscher wird zu dem seinen: die Steuern will er gezahlt sehen, die kriminellen und asozialen Subjekte entfernt, die Gesellschaft soll befriedet werden. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob er selbst, der individuelle Bürger, von diesen Verhältnissen irgendetwas hat, denn seine Loyalität existiert schon vor den Verhältnissen; Bürger machen keine Rechnungen auf mit ihren Herrschern nach dem Motto Bringt’s mir was?. Täte er dies, käme er zu einem negativen Ergebnis, zu dem Ergebnis, dass er nichts weiter ist als ein Untertan, der seine eigene Beherrschtheit bestellt hat, dass er einer ist, der wie ein Idiot das Fortkommen der kapitalistischen Nation, in welcher er sein Dasein fristen muss, für sein eigenes gehalten hat. Von dem Moment an, wo er dieses Resultat anerkennt, würde er aufhören, Bürger zu sein. Er würde aufhören, auf die Straße zu laufen, um nach höheren Löhnen oder der Restitution des Abendlandes zu rufen. Er würde den Laden nur noch zerlegen wollen.

Dem Bürger aber sind solche Gedanken fremd, er kennt nur Strolche und Versager – Leute, die es verbockt haben, böse Menschen: Bankster, unfähige Politiker, Diebe, Dealer, Ausländer, und andere windige Gestalten, die hier nichts zu suchen hätten. Der Bürger ist ein richtiger Moralist. Dass Kriminalität seine Voraussetzung im Privateigentum, im Staat selbst hat, und dass unter solchen Voraussetzungen Armut absolut notwendig ist, davon will er nichts wissen. Es müsse doch möglich sein, so denkt er, gute Herrscher zu kriegen, und dass wir uns alle bald wieder lieb haben. Supermarkt-Chefs, die ihre Waren nur gegen Geld raus geben wollen auf der einen Seite, und die Obdachlosen vorm Supermarkt auf der anderen Seite. Die Spaltung der Gesellschaft müsse verhindert werden. Als ob sie nicht schon existierte. Dass es immer die Profitberechnung eines kapitalistischen Unternehmens ist, die darüber entscheidet, ob ein Arbeitsplatz nun zur Verfügung steht oder nicht, wird nicht gelten gelassen, denn: Von nichts kommt nichts und Ohne Fleiß kein Preis, das wusste bekanntlich schon immer irgendeine Großmutter.

 

 

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