Erbkrankheiten

19. März 2015

Armut ist bei uns zur Erbkrankheit geworden.

Vorliegender Satz stammt nicht aus einem Buch von Thilo Sarrazin, selbst wenn der Inhalt dies nahe legt. Der Satz bildet vielmehr die Überschrift zu einem Onlineartikel, wie man ihn derzeit auf der Hauptseite der Bundestagsfraktion der Linkspartei findet. (1)

An ihm zeigt sich, wie sehr die parlamentarische Linke darum bemüht ist, den Anschluss an einen systembejahenden Diskurs nicht zu verlieren: Armut als vererbbares Merkmal ist eine Interpretation von Armut und ihren Gründen, die die gesamte Problematik der Armut zurückverweist in die Sphäre des Individuums. Man kennt dies von anderen Parteien und Institutionen: Wer hierzulande arm ist, ist selbst schuld. Wer hierzulande arm ist, mit dem stimmt etwas nicht. Es sind die in Armut lebenden Individuen, die ihre Armut hervorbringen und weitergeben, sie sind die Träger des schädlichen Erbguts! An den Bedingungen, unter denen hier heute gelebt und gearbeitet wird, ist prinzipiell nichts auszusetzen.

Die Linkspartei hat sich mit dieser Mythologie arrangiert.

Das politische Ziel soll sein, dass die unteren Klassen in Zukunft ein etwas besseres Leben in Armut führen können, d.h. vor allen Dingen ein Leben, in welchem die Armen nicht mehr ganz so offenkundig ihr Elend, an dem sich die Gesellschaft stößt, und von dem im Artikel die Rede ist, zur Schau tragen. An den Gründen für Armut soll nicht gerüttelt, Armut selbst nicht abgeschafft, sondern lediglich erträglicher gestaltet werden.

 

(1) http://linksfraktion.de

Bedrohungen

17. März 2015

Dass die Zustände, unter denen hierzulande zu leben man verpflichtet ist, mitunter verheerend sind, das würde kaum einer bestreiten wollen. Und schaut man sich im publizistischen Medium des armen Mannes um, dem Internet, so findet man sich bestätigt.

Gigabyteweise wird da von Unzulänglichkeiten, Bedrohungen und Verschwörungen berichtet, die den Menschen das Leben zur Hölle machen sollen. Die Betreiber dieser Blogs sind einfallsreich, detailversessen und zeigen einen langen Atem bei der Verfolgung solcher “Missstände”. Ob nun Chemtrails, finanzkapitalistische Judenverschwörung, die Wahrheit hinter “9/11″, absichtlich ausgelöste Asylschwemmen, um das deutsche Volk auszulöschen, ob Impfterror oder Salafisten, es scheint: Je grotesker und abseitiger die gedachte Bedrohung, desto ernster wird sie genommen.

Was diesen Blogbetreibern und deren Leserschaften nicht einfällt, ist, das als Bedrohung zu begreifen, was ihren Alltag tatsächlich bestimmt – die Arbeit. Diejenigen Stunden am Tag also, die damit verbracht werden müssen, die eigene Lebenskraft in den Dienst der Bereicherung eines anderen zu stellen, ausgesaugt und ausgebeutet zu werden – mit allen Konsequenzen. Der Zwang zur Arbeit ist die Bedrohung für das eigene Leben schlechthin. Doch weil dieser Zwang so alltäglich ist, weil also man beschlossen hat, ihn als gegeben, richtig und nötig anzusehen, spielt er im Bewusstsein der meisten als Urheber von Schädigungen am eigenen Leben keine Rolle mehr.

Wer nach der Arbeit dann noch Zeit hat, verplempert sie eben mit Beschimpfungen der Politik, anstatt Politik zu bekämpfen, oder begibt sich auf die Suche nach verborgenen Bedrohungen, anstatt die existierenden zu beseitigen. Da gilt einem der Betrieb, in dem man arbeitet, als Familie, und nicht als Übel, das einem Zeit und Leben raubt. Diese Idiotie geht oft einher mit einer Abstrahierung vom eigenen Bedürfnis, bzw. von der erfahrenen Schädigung. So klagen Gewerkschaften schon mal gute Arbeit ein, anstatt mehr Geld. So verkommt die Problematisierung von Obdachlosigkeit schon mal zu einer Problematisierung eines nicht eingelösten Würdeversprechens aus dem Grundgesetz. So wird schon mal aus der eigenen Geldlosigkeit eine Unfähigkeit der Politik. Da wird aus Hunger und Durst eine Sorge um etwas größeres: die Nation, und ihren Fortbestand. Mit dem eigenen Leben haben solche Beschwerden nichts mehr zu tun – sie sind quasi-religiös, antimaterialistisch. Wer nach Arbeit ruft, der kriegt sie auch.

Suchtverhalten

11. März 2015

Von “Suchtverhalten” wird immer dann gesprochen, wenn die wirtschaftliche Vernutzbarkeit der Person gefährdet ist. Wer volltrunken auf dem Bau erscheint, oder überhaupt nicht, der hat demnach ganz klar ein Problem, das behandelt gehört. Dafür und nur dafür zahlen Krankenkassen Rehabilitationsmaßnahmen. An den Ursachen für “Sucht”, dem Zwang zur Arbeit mit allem, was dazu gehört, von Erschöpfung und Gereiztheit bis zur Tatsache, dass man seine Kinder nur zwischen 8 und 10 Uhr abends sieht, soll selbstverständlich nicht gerüttelt werden. Das Problem wird stattdessen zurückverwiesen in die Sphäre desjenigen, der da leidet – er ist schuld, und muss sich folglich “behandeln” lassen.

Man kennt dies von Asylbewerbern, denen ein schwieriges Verhältnis zur Hygiene nachgesagt wird, obwohl 100 Mann morgens in ein Klo pissen müssen. Oder von Hartz-IV-Empfängern, die angeblich zu dumm sind mit Geld umzugehen, obwohl ihnen kaum etwas davon zur Verfügung steht.

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