GEGEN KAPITAL UND NATION

leftwinged//bastard

„Bildungsdiskriminierung“ in demokratischen Leistungsschulen

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Da kommen Schüler mit verschiedenen Wissensständen und mit unterschiedlichen materiellen und sozialen Ausgangslagen in der demokratischen Leisstungsschule an – der eine Schüler kann vielleicht schon lesen, der andere kann den Stift noch nicht richtig halten, beim einen verdient Elternteil 1 derart viel, dass Elternteil 2 zuhause bleiben kann, um sich intensiver um die Bedürfnisse des Kindes zu kümmern, beim anderen Kind sind beide Elternteile auf der Geldhatz, weil der erste Lohn hinten und vorne nicht reicht – und plötzlich werden sie alle gleich behandelt: die Klausuren müssen von allen Schülern unter den exakt gleichen Bedingungen (Zeit, Ort, Aufgabenstellung, Hilfsmittel etc.) abgeleistet werden, und das gleichgültig gegenüber der Frage, ob denn der einzelne Schüler den abzuprüfenden Stoff bereits verstanden hat oder nicht, und gleichgültig gegenüber jeder sonstigen individuellen Befindlichkeit – worin eben genau das Problem liegt.

Die unterschiedlichen Voraussetzungen mit denen Menschen die Bildungsinstitutionen vom Kindergarten bis zur Elitenveranstaltung Universität betreten, werden nicht zum Gegenstand individueller Berücksichtigung gemacht, es wird also – und darauf ist die demokratische Schule furchtbar stolz – eben nicht diskriminiert (lat.: discriminare – unterscheiden, trennen, auslesen), also nicht den inidivduellen Bedürfnissen nach gefördert und unterstützt um das Verstehen des Lernstoffs sicherzustellen, sondern umgekehrt die Ungleichheit der Schüler in gleichmacherischer Weise zum Mittel ihrer beruflichen und somit materiellen Einsortierung gemacht.

Trotzdem labern viele Linke an dieser Stelle oft und gerne was von „Bildungsdiskriminierung“. Mehr noch: Empört rufen sie aus, dass es doch gerade im Interesse des (deutschen) Staates liegen müsste, alle Kinderchen bestmöglichst zu bebilden. Enttäuscht stellen sie dann jedesmal fest, dass der Staat genau dieses ihm angeblich innewohnende Interesse mal wieder nicht oder nicht gründlich genug umgesetzt hat. Die in den Restschulen dieses Landes massenhaft produzierten „Bildungsversager“, viele von ihnen regelrechte Analphabeten, erkennen solche Linke dann als abzustellende Missgeburt eines ansonsten praktikablen Systems, dem sie sich ständig als Mahner und Verbesserer zur Seite stellen wollen (Gysi: „Ich will ein Top-Bildungssystem von Mecklenburg-Vorpommern bis Bayern„). Der Staat aber will so gar nicht auf sie hören, was Linke wiederum abwechselnd mal mit Zorn, und mal mit Verwunderung erfüllt. Der Staat müsse zu seinem Glück wohl irgendwie immer erst noch gezwungen werden, lautet eine lapidare Erklärung. (1)

Merkwürdig: Erst eine „Bildungsdiskriminierung“ ausrufen und deren Beseitigung in Verantwortung und Interesse des Staates stellen, schließlich aber doch feststellen, dass der Staat zur Umsetzung seines eigenen Interesses offenbar immer erst gezwungen werden muss. Da fragt sich schon: Was soll das für eine komische Art von Eigeninteresse sein, zu dessen Genuss ein Staat erst per Zwang gebracht werden muss? Als ob Staaten im allgemeinen dafür bekannt wären, sich mit der Durchsetzung ihrer Interessen, z.B. gegenüber ihren Bürgern oder anderen Staaten und deren Bürgern, vornehm zurückzuhalten oder gar in Verzicht zu üben.

Das Gegenteil ist ja gerade der Fall: Wo der Staat es für angebracht hält, da langt er hin. Ob nun Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu einem gigantischen Kontroll- und Betreuungsregime für Bürger mit Vernutzungshemmnissen (Hartz IV), ob eiligst beschlossene „Bankenrettungen“, oder Afghanistan-„Mandate“ (lustig: ein Land verleiht sich selbst den Auftrag, ein anderes zu überfallen), wenn der deutsche Staat seine Interessen bedroht sieht, wird er ganz von alleine aktiv. Fachliche Hilfe wird dazu keine benötigt. Von weltverbessernden Linken schon zweimal nicht. Was Regierungen erledigen, das erledigen sie gründlich.

Und so braucht der deutsche Staat zur Erledigung seines obersten Interesses, des nationalen Interesses, welches, abstrakt formuliert, darin besteht, dieses Land ökonomisch und weltpolitisch voranzubringen, nunmal nicht massenhaft verständige Menschen mit gutem Auskommen und viel Freizeit, sondern (im internationalen Vergleich) möglichst billige Arbeitskräfte auf der einen, und arbeitslose Schulversager auf der anderen Seite, die allesamt in ihrer Verzweiflung die eigene Ausbeutung fleißig mitorganisieren und per Zwangsversicherung in den Sozialkassen aufrechterhalten. Damit diese fällige Einsortierung in die Berufshierarchie den Menschen nicht so schwer fällt, leistet sich der deutsche Staat ein entsprechend strukturiertes Bildungssystem, das dieses Anliegen an frühstmöglicher Stelle durchsetzt und rechtfertigt. (2)

An einem solchen System, das nichts weniger als die ökonomische Klassierung der Gesellschaft mittels Notenvergabe zum Zweck hat, sollte man sich als Linker also lieber nicht mit Verbesserungsvorschlägen beteiligen. Der Staat weiß schon, warum er seine Verblödungsanstalten genau so und nicht anders organisiert hat.

 

(1) Andreas Kemper – Warum unternehmen die Länder nichts gegen Bildungsdiskriminierung?

(2) vgl. Ausbildung und Einbildung – Die Klassengesellschaft verteilt ihre Karrieren, Marxistische Streit- und Zeitschrift, 1986 Ausgabe 12

Written by leftwingedbastard

7. Februar 2015 um 22:45

10 Antworten

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  1. Wessen Interessen vertritt denn der Staat? Seine eigenen? Die des Kapitals? Welcher Kapitalfraktionen genau? Soweit ich weiß, forderte die Expertenkommission des Bundeswirtschaftsministeriums eine materielle, nicht nur eine formelle Möglichkeit Durchlässigkeit im Bildungssystem, konkret die Abschaffung der frühen sozialen Selektion. Dies wurde jedoch nicht durchgesetzt, weil Bildung Ländersache ist und der Hamburger Schulstreit deutlich gemacht hat, wer die Macht in der Bildungspolitik (noch) hat. Diese Macht basiert aber lediglich darauf, dass Arbeiterkinder sich nicht politisch selbstorganisiert haben.
    Den Staat zu einem allmächtigen Gott zu erheben, hat was religiöses und entpolitisiert. Es ist immer wichtig, sich die Machtverhältnisse konkret anzuschauen.

    Andreas Kemper

    7. Februar 2015 at 23:22

  2. Zudem gibt es keine „Leistungsschulen“. Dass es um „Leistung“ geht, ist ein Mythos. Und nein, mit dem Hinweis darauf, dass es in Schulen nicht um „Leistung“ geht, soll nicht eingefordert werden, dass es um „Leistung“ gehen soll. Sondern damit sollen drei Dinge klar gestellt werden: Erstens, „Leistung“ spielt kaum eine Rolle. Zweitens, wenn „Leistung“ eh kaum eine Rolle spielt, dann kann das Ganze egalitärer gestaltet werden. Drittens, wenn Leistung kaum eine Rolle spielt, warum und wie wird dieser Mythos aufrecht erhalten (und warum fallen so viele Linke darauf hinein?).

    Andreas Kemper

    7. Februar 2015 at 23:28

    • Sie verwechseln ihr Verständnis von Leistung mit dem, was in Schulen als „Leistung“ tatsächlich abverlangt wird – nämlich die möglichst lückenlose Reproduktion eines Wissengebietes auf ein Zeitintervall umgelegt. Das ist der Bewertungsmaßstab demokratischer Leistungsschulen, wie er existiert, und in gleichmachender Weise angewendet wird.

      leftwingedbastard

      7. Februar 2015 at 23:46

      • Das ist doch Unsinn. In Schulen gibt es keinen Bewertungsmaßstab, der auf „Leistung“ basiert. Das ist ein Mythos. Es wird nach sozialer Herkunft selektiert. Es gibt da ganz bestimmt keine „gleichmachende Anwendung“. Würde es in Schulen um „Leistung“ gehen, dann müsste die „Leistung“ über die Schulnoten entscheiden. Und die Schulnoten müssten darüber entscheiden, wer auf die Hauptschule kommt und wer aufs Gymnasium geht. Das ist natürlich nicht der Fall. Es wird nach sozialer Herkunft selektiert, nicht nach Leistung im Sinne von „möglichst lückenlose Reproduktion eines Wissensgebietes“. Es gibt eben nicht nur die primäre Bildungsbenachteiligung sondern auch noch die sekundäre Bildungsbenachteiligung. Huisken ignoriert komplett die sekundäre Bildungsbenachteiligungen, also die Tatsache, dass Arbeiter*innenkinder bei gleichen sogenannten „Leistungen“ schlechtere Bewertungen erhalten und bei gleichen Zeugnissen bzw. Schulnoten von Lehrkräften seltener für das Gymnasium empfohlen werden.

        Andreas Kemper

        8. Februar 2015 at 00:18

      • Es wird nach sozialer Herkunft selektiert. Es gibt da ganz bestimmt keine “gleichmachende Anwendung”. Würde es in Schulen um “Leistung” gehen, dann müsste die “Leistung” über die Schulnoten entscheiden.

        Sie machen aus dem Umstand, dass am Ende – unbestreitbarerweise – überproportional viele Kinder aus Arbeiterfamilien in den unteren Berufskarrieren hängen bleiben, einen vermeindlichen Staatszweck: die Arbeiterkinder bleiben auf der Stecke, also will der Staat „nach sozialer Herkunft“ klassieren. Das stimmt nicht.

        Der demokratische Staat will die Verteilung der Schüler auf die einzelnen Berufe. Das Mittel dazu ist Konkurrenz der Schüler um Noten. Diese Noten werden aber nicht nicht „nach Nase“ oder Herkunft vergeben, sondern nach objektivem Abschneiden des Schülers im Leistungsvergleich, also z.B. nach Fehleranzahl im Diktat, umgelegt auf die gesamte Klasse. Und wenn die Leistungsschule so der adeligen Juristenfamilie einmal drei Generationen lang nur noch Hauptschüler produziert hat, so schert dies den Staat einen Scheißdreck, er will nur die Selektion am Maßstab der Noten hinkriegen, und nicht Besitzstandsverwahrung für eine bestimmte gesellschaftliche Fraktion betreiben. Dass die adelige Juristenfamilie, aufgrund ihrer materiellen Ausstattung, natürlich ganz andere Möglichkeiten hat, ein solches Schicksal für sich abzuwenden, d.h. die Notenkonkurrenz erfolgreich zu überstehen, als Arbeiterfamilien, für diese Feststellung hätte es keine PISA-Studie gebraucht. Das gibt die Betrachtung der Klassengesellschaft an sich allemal her. Dass aus „Haste was“ öfter einmal „Biste was“ wird, ist völlig banal für eine Gesellschaft, in der alles von der Verfügung über Geld und Privateigentum abhängt.

        leftwingedbastard

        8. Februar 2015 at 10:45

      • Sie sollten aufhören, von „Staatszweck“ zu reden. Der Staat ist kein handelndes Subjekt mit einem einheitlichen Zweck.
        Ich empfehle hier Poulantzas Staatstheorie.
        Sie folgen einer Ideologie, die darauf angewiesen ist, empirische Ergebnisse zu ignorieren, um die Ideologie aufrecht zu erhalten. Die Ideologie ist, dass Schüler*innen nach einem „Leistungsvergleich“ selektiert werden. Das wird zwar auch vom rechten Philologenverband vertreteten, ist aber nichts als ein Mythos. Die „Gegenstand“-Ideologie trifft sich hier mit dem Philologenverband.
        Ich selber mit einem guten Zeugnis nach der Grundschule in die Hauptschule ausselektiert worden, WEIL ich ein Arbeitersohn bin. Wir haben mehrere Netzwerke von Arbeiter*innenkindern, die von der selben sozialen Selektion berichten. Das sind persönliche Erfahrungswerte.
        Diese Erfahrungswerte decken sich mit allen empirischen Daten, die hierzu erhoben wurden. Seien es die Hamburger LAU-Studien, die IGLU-Studien, Studien des WZB, usw.
        Schüler*innen werden in erster Linie nicht nach sogenannten „Leistungen“ selektiert, sondern nach sozialer Herkunft.

        Wenn Sie schreiben:

        „Diese Noten werden aber nicht nicht “nach Nase” oder Herkunft vergeben, sondern nach objektivem Abschneiden des Schülers im Leistungsvergleich, also z.B. nach Fehleranzahl im Diktat, umgelegt auf die gesamte Klasse.“,

        dann würde ich gerne wissen, woher sie diesen Mythos haben. Wir hatten in Münster öfters Herrn Huisken eingeladen, der dort auch diesen Mythos vertreten hat. Er konnte das nicht belegen. Auf die Einwürfe von Arbeiterkindern, dass es bei ihnen persönlich anders war, dass sie schlechtere Noten erhielten, trotz gleicher oder besserer „Leistungen“, ging er nicht ein. Auf die Vielzahl der empirischen Erhebungen, die diese persönlichen Erfahrungen bestätigten, ging er auch nicht ein, sondern behauptete stumpf, Statistiken könnten alles mögliche behaupten.

        Gerade weil die politische Selbstorganisierung von Arbeiter*innenkindern noch in den Kinderschuhen steckt, können sich pseudomarxistische Ideologien von Akademiker*innenkindern breit machen, die komplett abgehoben irgendwelche wirren Thesen entwickeln. Oskar Negt hatte vor kurzem noch mitgeteilt, dass eine Untersuchung aus den 50er/ 60er Jahren über die soziale Herkunft des SDS ergeben hatte, dass von einhundert SDS-Mitgliedern genau zwei eine sogenannte „niedrige“ soziale Herkunft hatten. Alfred Schmidt war der einzige aus einer Arbeiter*innenfamilie, Oskar Negt kam aus einer Bäuer*innenfamilie. Alle anderen kamen aus Akademiker*innenfamilien und haben entsprechend, aufgrund ihrer sozialen Herkunft, die Klassentheorie formuliert, die sich bis heute noch gegenüber Erfahrungswerten aus dem Arbeiter*innenmilieu immunisiert und sich in ihrer ^Abgehobenheit^ gefällt.

        Der Staat ist kein Subjekt, sondern ein Kampffeld, in dem verschiedene Kapital- und Klassenfraktionen um Vorherrschaft ihrer Interessen kämpfen. Dies zeigt sich darin, dass Kapitalinteressen eine „gerechteres“ „leistungsbezogeneres“ Bildungssystem einfordern, sich aber regelmäßig die gut verdienende Mittelschicht mit akademischer Herkunft durchsetzt und ein „gerechteres Schulsystem“ verhindert, um ihren eigenen Kindern gegenüber Arbeiter*innenkindern Vorteile zu verschaffen.

        Andreas Kemper

        8. Februar 2015 at 11:33

      • a) Der „berühmten“ Sabine Czerny hat die bayrische Schulaufsichtsbehörde einen Berufswechsel nahe gelegt, nicht mit dem Arugment, dass die Selektion nach Herkunft unter ihrer pädagogischen Leitung nicht funktioniert hätte – die stellt sich in der Klassengesellschaft ohnehin von alleine ein, und ist hierzulande nicht Zweck der Schule – sondern, so die Begründung, weil die Verteilung der Schüler auf das Notenspektrum (1-6) unterlassen worden war. Da hieß es dann, sie hätte die Kinder „unterfordert“, weil diese im Ergebnis durchweg gute bis sehr gute Noten erzielen konnten. Und damit ist klar gestellt, worum es in der Schule eigentlich geht: Czerny hatte nicht das falsche Selektionsmittel (Herkunft) verwendet, sondern bei ihr ist die Selektion der Schüler trotz Einsatz des richtigen Mittels (Leistungsvergleich per Notenvergabe) nicht wie gewünscht aufgegangen.

        Es ist eben tatsächlich so: Mit den vordemokratischen Selektionsmitteln hat die heutige Schule nichts mehr gemein. Sind im faschistischen Dritten Reich alle Juden aus der Beschulung geflogen, in noch früheren Zeiten Männer und Frauen getrennt, nach Ständen, und auf unterschiedliche Tugenden hin unterrichtet worden, so kennt die demokratische Leistungsschule nur noch ein Unterscheidungsmerkmal für ihre lieben Kleinen: deren Abschneiden in der Leistungskonkurrenz um Noten. Daran ändern auch die konservativsten und borniertesten Lehrerkollegien, mit denen Sie es zu tun bekommen haben, nichts.

        b) Da Sie die Staatsableitung, wie sie u.a. der Gegenstandpunkt vertritt, für abgehobenen pseudomarxistischen Ideologiekram halten, der ohnehin nur von priviligierten Akademikerkindern zur Verteidigung ihrer Klasseninteressen erfunden worden ist, und da Sie dem Staat, so wie er heute existiert, weder einen eigenen Zweck zubilligen noch ihn als handelndes Subjekt erkennen wollen, nur so viel:

        Wenn vom materiellen Hintergrund, dem jemand entstammt, abgelesen werden kann, welche Interessen dieser Mensch verfolgen muss, dann muss Friedrich Engels, Sohn einer reichen Fabrikantenfamilie, in Wirklichkeit ein kapitalistisches U-Boot gewesen sein. Wenn Sie keine Staatszwecke erkennen können, dann schauen Sie doch mal ins Grundgesetz. Dort finden Sie in wohl formulierten Verfassungsartikeln Freiheit, Gleichheit und Privateigentum vor, die zu schützen Aufgabe jeder staatlichen Gewalt sein soll. Eine Gewalt, die getragen, bestellt und, wie Sie es tun, bei Nichtgefallen konstruktiv begleitet werden darf von den Bürgern (Grundrechtekatalog und insbes. Art. 20 II GG), womit die Frage nach dem Subjekt Staat beantwortet wäre. Der Staat ist damit eben kein Kampffeld auf dem sich widerstreitende gesellschaftliche Fraktionen mit ihren Interessen austoben können, denn der Kampf darum, wie die Gesellschaft ausgeformt werden soll, ist ja längst per Staatsverfassung entschieden und mit Staatsgewalt verbürgt: jeder darf (und muss!) in Freiheit und Gleichheit versuchen, sich per Konkurrenz, also immer gegen einen anderen, möglichst auskömmliche Stücke des gesellschaftlichen Reichtums für sich zu sichern. Das gilt fürs gesamte Leben – die Schule ist dabei die Vorbereitungsveranstaltung, das Proseminar, wenn Sie wollen, und denselben Regeln von Freiheit und Gleichheit unterworfen.

        leftwingedbastard

        8. Februar 2015 at 20:17

      • Zu a) Ich kenne den Falle. Natürlich hat die Schulbehörde nicht damit argumentiert, dass Sabine Czerny unverschämterweise den Arbeiter*innenkindern die selben Noten gegeben hat wie den Akademiker*innenkindern. Denn es gibt natürlich die Leistungsideologie. Aber die Leistungsideologie darf nicht mit einem tatsächlichen Leistungssystem verwechselt werden. Der Fall Sabine Czerny ist also kein Argument für die tatsächlich vorhandene Leistungsbezogenheit unseres Schulsystems, sondern es ist ein Argument dafür, dass unser Bildungssysem selektiert. Nur WARUM es selektiert, darüber sind wir verschiedener Ansicht. Sie leiten die Selektion aus einem theoretischen Gebilde ab und immunisieren sich sowohl gegenüber persönlicher Erfahrungen von Arbeiter*innenkindern als auch gegenüber empirischen Ergebnissen als auch gegenüber faktisch vorliegenden Widersprüchen zwischen Unternehmer- und Kaptialinteressen, die fordern, dass weniger soziale Selektion stattfinden soll und den Interessen von akademischen Eltern und Philologenverband, die eine größere soziale Selektion wollen, dies aber mit einer Leistungideologie kaschieren. Was sagen Sie denn zu den LAU-Studien, zu den IGLU-Studien etc, die feststellen, dass Arbeiter*innenkinder am Ende der Grundschulzeit ein Wissen im Umfang von zwei Jahren (!) mehr (!) vorzeigen müssen, um genau so eingestuft zu werden wie Kinder aus gutverdienenden Elternhäusern? Das hat nichts mit sogenannter Leistungsbezogenheit zu tun.

        Tatsächlich gab es keinen Bruch mit dem Dritten Reich in Bezug auf die soziale Selektion im Schulsystem. Die Alliierte Zook-Kommission (Direktive 57) forderte die junge Bundesrepublik auf, die Kinder für längere Zeit gemeinsam zu unterrichten, um die soziale Selektion zumindest zum Teil abzubauen. Länder wie Niedersachsen engagierten aber den Rassenhygieniker Karl Valentin Müller, der in einer Studie feststellte, dass es „drei Begabungstypen“ gäbe und dass daher die Landesregierung an der frühen sozialen Selektion in drei Schulen festhalten sollte. Dass sich diese Begabungstypen klassenbezogen vererbten, dass Arbeiter*innen „dumme“, Akademiker*innen hingegen „kluge“ Kinder bekämen, war der Subtext, der mit dieser Begabungsideologie einherging.

        Es hat nie einen wirklichen Bruch mit dieser Begabungsideologie aus dem 19. Jahrhundert gegeben. Nur für ein kurzes Zeitfenster, von Ende der 1960er Jahre bis 1978 gab es eine Periode der Aufweichung der starken sozialen Selektion, diese emanzipatorischen Fortschritte wurden aber kontinuierlich nach 78 zurückgenommen.

        Die Schule ist eben nicht nur eine Konkurrenz-Anstalt, sondern sie soll zugleich bestimmte Kinder vor der direkten Konkurrenz mit anderen Kindern schützen. Es geht darum, dass die Klassenreproduktion in der Weise stattfindet, dass Arbeiter*innenkinder in der Regel wieder Arbeiter*innen werden und Akademiker*innenkinder wieder Akademiker*innen werden. „Dem“ Kapital (es gbit natürlich nicht „das“ Kapital, sondern divergierende Kapitalinterssen) ist nicht an dieser ständischen Klassenreproduktion gelegen, im Gegenteil, „es“ würde wahrscheinlich tatsächlich lieber eine leistungsbezogene Selektion vorziehen, zum einen, weil dann die relevanten Jobs von den „Leistungsfähigsten“ besetzt würden, zum anderen, weil es die „Akzeptanz der Marktwirtschaft“ erhöhen würde; aber „das“ Kapital hat nicht alleine über die Bildungspolitik zu bestimmen. Hier gibt die gutbetuchte Elternschaft in Zusammenarbeit mit konservativen Kreisen und Philologenverbänden den Ton an. Es sei denn, es würde eine neue „Bildungskatastrophe“ festgestellt. In dem Fall könnte sich das Kräfteverhältnis verschieben. Oder aber Arbeiter*innenkinder organisieren sich politisch. Auch dann könnte das Bildungssystem geändert werden.

        zu b): Ihnen sollte doch klar sein, dass im Einzelfalle nicht zwingend der soziale Hintergrund bestimmt, welche Interessen ein Mensch verfolgt, dass aber in der Masse gleiche soziale Hintergründe zu gleichen Interessenverfolgungen führen. Wenn ich Konservativen diesen Unterschied erklären muss, kaufe ich ihnen meistens ab, dass sie diesen Unterschied wirklich nicht verstehen. Bei Linken setze ich eigentlich eine Denkweise voraus, die diesen Unterschied kennt.

        Ein Grundgesetz macht aus einem Staat noch kein einheitlich handelndes Subjekt. Denn das Grundgesetz ist selber nur Resultat verschiedener Interessen und das Grundgesetz ist unterschiedlich interpretierbar.

        Dass der Staat kein Feld ist, in dem es gerecht zugeht und der die Kapitalinteressen mehr berücksichtigt als die Interessen von Arbeiter*innen, ist klar. Dennoch ist der Staat kein einheitlich handelndes Subjekt.

        Ich denke, wir kommen hier inhaltlich nicht weiter. Ich beziehe mich auf Poulantzas Staatstheorie, der den Ableitungsmarxismus ablehnt.

        Wichtig ist aber, dass sie nicht mehr den Unsinn kolportieren, in der Schule gäbe es ein Leistungssystem und „gerechte Noten“, die von der sozialen Herkunft absehen. Ein „Konkurrenzsystem“, welches eine Gruppe systematisch vor der Konkurrenz mit einer anderen Gruppe schützt, ist genau genommen auch kein Konkurrenzsystem mehr.

        Sie verweisen doch selber auf Howard Zinn. Lesen Sie seine Biografie.

        Andreas Kemper

        8. Februar 2015 at 23:03

      • Klar gibt’s Lehrer, für die Klassendünkel bei der Notenvergabe eine Rolle spielt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass zwischen den Kindern ein Leistungslernen stattfindet. Einer meiner Lehrer war Rassist. Der konnte es kaum erwarten, die Aussiedlerrussen und den ganzen anderen Abschaum auf die Hauptschule zu schicken. Und als Lehrer hat er sicherlich auch alles ihm Mögliche getan, um eine solche Aussortierung zu realisieren. An den schlechten Noten dieser Kinder ist er aber nicht vorbei gekommen. Wofür sollte denn auch der Rassismus dieses Lehrers ein Beweis sein? Dass nach rassistischen Kriterien eine Karriere verteilt wird? Mitnichten. Wäre es so, hätte man ja wenigstens einen Beschwerdegrund in der Hand. Das Perfide an diesem System ist es jedoch gerade, und das halten Sie für bloße Theorie, dass jeder Misserfolg, den die Schulkonkurrenuz ihren Verlierern beschert, nicht der Institution Schule sondern den Verlierern angelastet wird. Da hat sich dann das Tellerwäscherkind halt nicht genug angestrengt – man kennt diese dreiste Argumentation der Lehrer, manchmal begleitet von dem Ausspruch: „Von Dir hab ja auch nichts anderes erwartet, du bist halt ein Fünfer-Kandidat!“.

        Sie, Herr Kemper, halten es für eine Fehlleistung des Systems, dass sich auch unter demokratischen Schulbedingungen klassenspezifische Lebens- und Karriereverläufe, wie man sie aus Ständegesellschaften kennt, reproduzieren. Sie wittern folglich eine „Ungerechtigkeit“, eine „Diskriminierung“, argumentieren also moralisch, denn es kann ja nicht sein, dass bei Freiheit und Gleichheit solche Sachen rauskommen. Und so haben Sie und ihre Kollegen sich auf die Suche nach dem Übeltäter begeben, nach demjenigen Element oder Subjekt, das dieses an sich dienliche System in sein Gegenteil verkehrt hat. Natürlich sind Sie fündig geworden – und zwar bei den Schatten, die dieses System auf seine Verlierer wirft. Damit haben Sie, ohne es zu wollen, das System affirmiert. Sie beklagen nicht mehr die Aussortierung, also den Zweck des Systems, sondern nur noch, dass bei der Aussortierung womöglich Fehler gemacht worden sind. Dass es da zu „Ungerechtigkeiten“ gekommen ist, weil einige Arbeiterkinder unverdientermaßen auf der Hauptschule gelandet sind.

        Da möchte man Sie glatt fragen, welche Form der gerechten Aussortierung Sie sich denn so vorstellen können.

        leftwingedbastard

        18. Februar 2015 at 17:03


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