GEGEN KAPITAL UND NATION

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Nachdenkseiten: Linke Rechtfertigungen von Armut und Kapitalismus

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Auf der Suche nach guten Gründen

Manchmal sagen Leserbriefe mehr als tausend Artikel, wenn es darum geht, sich über die politische Stoßrichtung eines journalistischen Mediums klar zu werden. Die im linken Quadranten des Internets vielseitig beliebten „Nachdenkseiten“ sind so ein Fall. So erfährt man von einem ihrer Leser: „Sehr geehrte Damen und Herren, auch wenn es etwas banal kling, aber seitdem ich nachdenkseiten.de lese und die empfohlenen Bücher, fühle ich mich nicht mehr so wie ein Verbannter in einem mir fremd gewordenen Land. Herzlichen Dank und möge es Ihnen gutgehen.

Nein, lieber Leser, das ist überhaupt nicht banal, sondern trifft den Nagel so ziemlich auf den Kopf. Die „Nachdenkseiten“ liefern nämlich die journalistische Betreuung für alldiejenigen Bürger, die eine altruistische Kritik am demokratisch regierten Kapitalismus Deutschlands haben, gleichzeitig aber weder auf Deutschland noch auf den Kapitalismus verzichten wollen. Was BILD und „politcally incorrect“ für hartgesottene Nationalisten aus dem rechten Lager sind, das sind die „Nachdenkseiten“ für Bürger mit sozialem Gewissen. Wem also abends beim Einschlafen der Penner aus der Einkaufspassage wieder einfällt, wen die deutsche Flüchtlingspolitik moralisch abstößt, oder wer gar selbst am Rande oder schon inmitten gröbster Armut sein Leben fristen muss, und deshalb ständig auf der Suche nach guten Gründen dafür ist, es sich in Deutschland trotzdem gemütlich machen zu können, den beliefern die Nachdenkseiten im Wochentagsrhythmus.

Dort findet ein geneigter Leser dann alles, was er so braucht, um nicht vom Glauben an Deutschland und seine kapitalistische Zurichtung abzufallen: eine endlose Barrage an Skandalisierungen der nationalen Zustände – von schrecklichster Armut und ihren Gründen: wirtschaftliche Korruption, politisches „Missmanagement“, Raubtierkapitalismus, Profitgier und Wucherei, kurzum die Anklage der charakterlich-moralischen Nichteignung des Führungspersonals – logischerweise verbunden mit dem versöhnlichen Angebot, der tröstlichen Aussicht, dass das alles ja eigentlich gar nicht so sein müsste. Getreu dem Motto ihres keynesianischen Hohepriesters Flassbeck: Wenn wir nur endlich eine kompetente Regierung bekommen könnten!

Kapitalismus gut, Mensch böse

Die gute Nachricht, mit der die „Nachdenkseiten“ aufwarten, ist also: Die deutsche Nation und ihr Kapitalismus sind rettbar. Vor den Menschen, die darin leben! Die Armut der Massen; sie ist nur das tragische Resultat übererfüllter Unternehmenspolitik („Profitgier“) auf der einen, und unterlassener Hilfeleistung („Staatsversagen“) auf der anderen Seite. Was im Kapitalismus als scheinbar unauflöslicher Gegensatz auftaucht, das Interesse des Unternehmers am Profit und seine Kehrseite, dem Interesse des Arbeiters an einem möglichst auskömmlichen Lohn, ist in Wahrheit bloß ein noch nicht in Balance gebrachtes Verhältnis zweier Seiten, die eigentlich ja genau das gleiche wollen: der Gemeinschaft ihre Güter und Dienstleistungen beschaffen. Und der deutsche Staat und seine Abteilungen sind auch nicht Schutzherren der Ausbeutung des Arbeiters, sondern Garant so toller Dinge wie dem Streikrecht, also der staatlichen Erlaubnis, sich als Arbeiter in Lohnverzicht üben zu dürfen, wenn der Lohn mal wieder nicht zum Leben reicht – in der Hoffnung auf mehr Lohn.

Mit Kritik an den Verhältnissen, die die beklagte Armut hervorbringt, hat so eine Haltung natürlich nichts zu tun. In ihrem Grunde ist sie eine reichlich verrückte Kritik des Menschen an sich selbst, die an das Christentum erinnert: Der Mensch ist ein Sünder. Er ist so klein und schwach, weil Gott so groß und mächtig ist; was erklärlich werden lässt, warum das Christentum so gut zur bürgerlichen Gesellschaft passt. Auch dort gilt es nämlich als durchgesetzt, dass die Gesellschaft an der Unfähigkeit ihrer Mitglieder leidet, diese zweckgemäß zu organisieren. Die „Nachdenkseiten“ sind ein ganz großer Fan dieser üblen, weil grundlosen Selbstkritik. Es ist nämlich gar nicht so, dass diese Gesellschaft mit ihrem Kapitalismus nicht zweckmäßig organisiert worden wäre. Wenn der Zweck lautet, aus Geld mehr Geld zu machen (Profit!), dann könnte die hiesige Gesellschaft nicht zweckmäßiger organisiert worden sein. Da die „Nachdenkseiten“ nichts gegen Profit, wohl aber Profitgier, nichts gegen Kapitalismus, wohl aber gegen Casino- und Raubtierkapitalismus einzuwenden wissen, können und wollen sie den Kapitalismus auch gar nicht kritisieren, haben sie ihn doch bereits vor seinen, rein auf menschliche Defizite zurückzuführende Perversionen in Schutz genommen, und ihm so seine prinzipielle Nützlichkeit für menschliches Wirtschaften ausgesprochen.

Unter solchen Vorzeichen wird Armut dann zur gesellschaftlichen Notwendigkeit, zum Derivat menschlicher Natur. Ein passender Beitrag zum Stammtisch: „Armut? Die wird’s eh immer geben!“

Written by leftwingedbastard

8. Juli 2015 um 04:39

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